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Leseprobe "Chicago News - Berichte aus der Neuen Welt"
Der Auftrag

From the bottom of the ocean
To the mountains of the moon
Won't you please come to Chicago
No one else can take your place
- Graham Nash; Chicago, 1970 -


Die Geschäfte gingen schlecht, sehr schlecht. Wir verkauften so gut wie gar nichts. Und wie das in den Zeiten so ist, in denen eine Firma schlecht am Markt ankommt: Man versucht alles Mögliche und Unmögliche, um die Absatzzahlen zu steigern.
So wurde ich eines Tages zu meinem Chef gerufen, der mir antrug, in die USA zu fahren; schauen, wo es klemmt, Unterstützung geben. Mit einem Wort: helfen.
Vor zehn Jahren hätte ich meinem Chef glatt ein halbes Bier geliehen, wenn er mir einen solchen Vorschlag gemacht hätte. Zum Zeitpunkt des Vorschlages wohl kaum. Jetzt sollte ich, Dunsel vom Dorf, Zonendödel dazu, in das "Reich des Bösen", wie wir es einst östlich der Elbe haben lernen müssen, reisen. Oder, um einen berühmten Amerikaner zu zitieren: in den "Schurkenstaat" für die östliche Welt schlechthin! Aber so war es ja nicht für mich. Für mich waren die USA das Land von Walt Whitman, von Thomas C. Wolfe, von James Baldwin. Ja und nicht zuletzt waren die USA für mich auch das Land von Jack Kerouac. Ich wusste von New York, San Fransisco, den großen Seen, der sibirischen Kälte in Alaska. Und ich wusste von der schießwütigen Hitze in Texas. Nun, da ich mein fünftes Lebensjahrzehnt überschritten hatte, hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Man wird alt, bequem. Man fragt sich: Was soll ich dort?
Früher hätte man sich noch einmal "On the Road" reingezogen und wäre los, auf den Spuren des heiligen Blödians Dean Moriarty; von Chicago nach LA entlang der Route 66. Aber heute ist alles anders. Die Luft ist raus. Und das meiste andere auch. Man sitzt doch lieber hinter einem warmen Ofen und plätschert einen gut temperierten Roten in sich hinein.