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Schon sehr lang habe ich daran gedacht, Anton Pawlowitsch Tschechow auf meiner Page als BOM zu empfehlen. Aber immer wieder fehlte die Zeit, diesen mir sehr wichtigen Schriftsteller in einer ihm würdigen Form zu beschreiben.

Tschechow in Nizza. Ein Porträt (1898) von Ossip Bras, heute in der Moskauer Tretjakow-Galerie ausgestellt. Quelle: Wikipedia
Tschechow in Nizza

Nun, wohl wissend, dass ich es jetzt auch nicht vermag, Tschechow zu meiner Zufriedenheit vorzustellen, versuche ich es dennoch. Ich möchte allerdings nicht auf seine Biographie eingehen. Die kann man überall nachlesen. Vielmehr möchte ich wichtige Werke von Tschechow empfehlen. Dabei will ich mich auf den Bereich der Kurzgeschichten beschränken. Zweifelsfrei hat es Tschechow auf diesem Gebiet zu einer Meisterschaft gebracht, die weltweit ihres Gleichen sucht. Ich möchte nur folgende Geschichten erwähnen:
  • Der Dicke und der Dünne
  • Aus dem Tagebuch eines Buchhaltergehilfen
  • Gram
  • Krankenstation Nr. 6
  • Rothschilds Geige

  • Vor allem die zwei letztgenannten gehören (meiner Ansicht nach) zum Besten, was als Kurzgeschichte jemals veröffentlicht wurde. Und von diesen zwei Kurzgeschichten möchte ich "Rothschilds Geige" besonders nahe legen. Dabei sollten keineswegs die anderen Geschichten abgewertet werden; ganz besonders "Krankenstation Nr. 6" nicht - eine Story, die ich immer wieder lese, weil ich bis heute nicht heraus gefunden habe, ob ich eher Iwan Dmitritsch oder Andrej Jefimitsch recht geben muss in ihrer Weltsicht.
    Aber bleiben wir bei Rothschild. In dieser Geschichte beschreibt Tschechow in traurig wundervoller Weise die Geschichte eines vertanen Lebens. Und der Sargtischler Jakow hat nicht mal gemerkt, dass es vertan war. Irgendwann war es einfach vorbei. Und trotzdem ist etwas geblieben: Die Geige von Jakow Iwanow. Diese Geige vermachte Jakow auf seinem Sterbebett dem Juden Rothschild. Und Rothschild wusste der Geige so wunderschöne Melodien zu entlocken, dass er immer wieder von Kaufleuten und Beamten eingeladen wurde.
    In der Leseprobe beschreibt Tschechow, wie Jakows Frau klar wird, dass sie bald sterben wird. Jakow geht zum Arzt und versucht ihr zu helfen, aber der Arzt meint, dass die Alte ihr Leben genossen habe. Es wäre nun soweit.
    Leseprobe "Rothschilds Geige"
    "Jakow!" rief Marfa plötzlich. "Ich sterbe"!"
    Er blickte sich nach seiner Frau um. Ihr Gesicht war rosarot vom Fieber, ungewöhnlich hell und heiter. Bronze, der gewohnt war, ihr Gesicht immer bleich, ängstlich und unglücklich zu sehen, geriet in Verwirrung. Es sah ganz so aus, als wolle sie tatsächlich sterben und als wäre sie froh, endlich aus dieser Hütte, von den Särgen und von Jakow für immer fortgehen zu können... Sie blickte zur Decke und bewegte die Lippen, und ihr Gesichtsausdruck war so glückselig, als sähe sie den Tod, ihren Erlöser, und flüstere mit ihm.
    - 1894 -
    Anton Tschechow: "Meistererzählungen", Rütten & Loening, Berlin, 4. Auflage, 1979, p 336

    Tabelle der "Buchempfehlungen"
    Buchempfehlung bis Link
    28.12.2010 Verbechen
    14.04.2010 Land der Wunder
    25.06.2009 Der tallentierte Mr. Ripley
    01.12.2008 Der Zauberlehrling
    29.12.2007 Die Weihnachtsgans Auguste
    02.12.2007 Mascha Kaléko
    24.11.2007 Zu "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins"
    29.07.2007 Zu "Jossel Wassermanns Heimkehr"